Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf
Gedenktag evangelisch: 9. Mai
Name bedeutet: der Sieger über das / aus dem Volk (griech.)

Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf stammte aus einer Familie, die um ihres evangelischen Glaubens willen Österreich hatte verlassen müssen. Sein Vater starb kurz nach seiner Geburt, er wurde von seiner Großmutter erzogen, die stark vom Pietismus des Philipp Jakob Spener geprägt war. Als Schüler begegnete er in Halle Missionaren der seit 1706 in Indien tätigen Mission, was in ihm den Wunsch weckte, selbst Missionar zu werden. Nach dem Besuch der weiterführenden Schule in August Franckes Pädagogikum in Halle hätte er gerne Theologie studiert, was aber in einer Familie von Militärs und Regierungsbeamten kaum denkbar war; so studierte er 1716 bis 1719 in Wittenberg Rechtswissenschaft und wurde 1721 Hof- und Justizrat in Dresden.
1722 heiratete Zinzendorf eine gleichermaßen vom Pietismus geprägte Frau und
kaufte von seiner Großmutter das Gut Berthelsdorf.
Auf diesem Gut bot er im Herbst 1722 Religionsflüchtlingen aus der Böhmischen
Brüderkirche eine Zuflucht und nannte ihren Siedlungsplatz Herrenshut
, woraus dann
Herrnhut wurde: Unter der (Ob-)Hut des Herrn
.
Weitere Flüchtlinge aus Mähren kamen hinzu,
später auch sächsische Lutheraner, die mit der katholischen Obrigkeit in Konflikt geraten waren. Nach dem Tod seiner
Großmutter konnte Zinzendorf 1727 seinen Beruf aufgeben und sich ganz der inwischen auf 300 Menschen angewachsenen Kolonie
widmen. Zwischen den verschiedenenen Gruppen dort gab es erhebliche Spannungen, die am 13. August 1727 auf wundersame Weise
durch eine gemeinsame Abendmahlsfeier bei Pfarrer Johann Andreas Rothe
aufgehoben wurden; nach dieser Erweckung
war der Streit verflogen.
Zinzendorf erarbeitete nun eine Ordnung für die Brüdergemeine. Jeder Tag begann mit einer Morgenandacht und endete mit
einer Singstunde, am Sonntag gab es den Gemeindegottesdienst. Neue liturgische Formen wie Liebesmahle, Fußwaschung,
Stundengebete rund um den Tag oder Nachtwachen wurden praktiziert; in diesem Zusammenhang entstanden 1728 auch die
Herrnhuter Losungen
, erstmals für den 4. Mai dieses Jahres. Mit einer Vielzahl
von Laienämtern wurde das allgemeine Priestertum gestaltet, aber dennoch die Gemeinde in die lutherische Landeskirche
integriert. Auffallend war die starke Stellung der Frauen, es gab Ältestinnen
, Lehrerinnen, Aufseherinnen u. a. Auch
von der dritten Person des dreieinigen Gottes redete Zinzendorf in weiblicher Form als Geistin
. Bemerkenswert auch
Zinzendorfs Aufforderung, den Juden ungemeine Hochachtung
engegenzubringen, wie er in einer eigens zur Bekämpfung
des Judenhasses verfassten Schrift betonte.
Bei den Feierlichkeiten zur Krönung des neuen Königs lernte er 1731 in Kopenhagen einen Kammerdiener kennen, der von der Karibikinsel St Thomas stammte und ihm vom Sklavenleben seiner Verwandtschaft berichtete; ihn lud er ein nach Herrnhut, er schärfte das Augenmerk der Gemeinschaft für die Aufgaben der weltweiten Mission, die ein Hauptanliegen der Brüdergemeine wurde. Im Jahr darauf wurden die ersten Missionare auf diese Karibikinsel ausgesandt, wo sie die Missionsstation Neu-Herrnhut gründeten.
1732 wurde Zinzendorf aus Sachsen ausgewiesen, weil er dem Kaiser, dem König von
Böhmen, Untertanen entfremde und ihnen zur Flucht verhelfe. 1733
besuchte er Württemberg auf der Suche nach einer neuen
Bleibe für seine Gemeinde, traf Friedrich Christoph Oetinger,
der vorher schon Herrnhut besuchte hatte, und Johann Albrecht
Bengel, dessen Berechnung des bevorstehenden Weltendes und Beginn des 1000-jährigen Reiches auf das Jahr 1836
allerdings Zinzendorfs Befremden hervorrief. Bengel seinerseits verfasste eine Streitschrift gegen die Duldung der so
genannten Brüdergemeine
in Württemberg. Nachdem er 1734 in
Stralsund sein theologisches Examen abgelegt
hatte, wurde er bei einem weiteren Besuch in Württemberg von der Theologischen Fakultät in
Tübingen als freier Prediger
zugelassen.
1737 wurde er vom Enkel von Johann Amos Comenius, dem Oberhofprediger
und Bischof eines in Berlin überlebenden Zweiges
der Böhmischen Brüderkirche, Daniel Ernst Jablonski, in Berlin zum
Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine geweiht.

Gemein-Hausin Herrnhaag, erbaut 1744
1736 folgte seine zweite Ausweisung aus Sachsen, Zinzendorf verlegte die Gemeindearbeit nach der Ronneburg in der Wetterau, nach Schloss Marienborn und nach Herrnhaag - heute ein Ortsteil von Lorbach bei Büdingen in Hessen 1. 1739 reiste Zinzendorf zu seinen Missionaren in die Karibik, es folgten Reisen und Missionsarbeit im Baltikum, in Westindien und in Nordamerika, dort wirkte er 1741 bis 1743 als Missionar unter Indianern. Als 1747 die Verbannung aufgehoben wurde, konnte Zinzendorf nach Herrnhut zurückkehren, blieb aber nur kurz. 1748 ging er nach England, wo sich ebenfalls eine Brüdergemeine gegründet hatte, ab 1751 lebte er ganz in London und kam erst 1755 nach Herrnhut zurück. 1756 starb seine Frau, die ihm unentbehrliche Mitarbeiterin gewesen war und zwölf Kinder geboren hatte, von denen nur vier das Kindesalter überlebten. Bei seinem Tod waren Mitglieder der Brüdergemeine an 28 Orten weltweit missionarisch tätig.

Schon als Student in Wittenberg hatte
Zinzendorf Gedanken zur Versöhnung von Pietismus und orthodoxen Lutheranern
entwickelt, die er später, unter dem Eindruck einer Studienreise ins katholische Frankreich und die reformierten Niederlande
ausweitete zu einem Programm zur Versöhnung aller Konfessionen. In deren Vielheit und Mannigfaltigkeit sah er eine der
tiefsten Absichten Gottes
. Die Unterschiede sollten deshalb erhalten bleiben, aber das Zusammenwirken auf der Grundlage
der Heiligen Schrift Brudercharakter
bekommen. Karl Barth zufolge war
Zinzendorf der erste, ganz von der Sache aus denkende und redende Ökumeniker
.
Für die Mission orientierte sich Zinzendorf am biblischen Vorbild des Kämmerers aus Äthiopien (Apostelgeschichte 8, 26
- 39) und des römischen Hauptmanns Cornelius. Bei beiden habe der Heilige
Geist schon vor der Begegnung mit ihren Täufern gewirkt; entsprechend sollten Missionare sich an jene wenden, bei denen
sie Empfänglichkeit für die Botschaft des Evangeliums erspüren, man könne niemand mit Gewalt bekehren. Grundlage jeder
Mission sei das Gebet Jesu im Garten Getsemani, wo er sich freiwillig
für den Weg der Erlösung durch seinen stellvertretenden Tod am Kreuz entschloss (Matthäusevangelium 26, 36 - 46). Inhalt
der Missionspredigt müsse die Botschaft von Jesus Christus sein - eine allgemeine Gottesvorstellung habe ja jeder Mensch
ohnehin, wie schon Paulus erkannte (Römerbrief 1, 19). Auch jegliche
Morallehre
sei unangebracht - es gehe nicht darum, die Menschen auf eine höhere Kulturstufe zu heben, sondern allein
um das Evangelium.
Zinzendorf hat mehr als 2000 Lieder verfasst, Singen war für ihn eine emotionale und Gemeinschaft stiftende Übung; das
Evangelische Gesangbuch enthält heute fünf von ihm getextete Lieder, darunter Herz und Herz vereint zusammen
(EG 251)
und der Klassiker Jesu, geh voran
(EG 391). Bekannt ist die bis heute in
Herrnhut und weltweit lebendige
Herrnhuter Brüdergemeine vor allem durch ihre Missionstätigkeit und
durch die Herrnhuter Losungen
, einer Sammlung von Bibelversen für jeden Tag
eines Jahres, die auch im Ökumenischen Heiligenlexikon enthalten sind.
1 ▲ Die Brüdergemeine musste Herrnhaag schon 1753 wieder verlassen, nachdem der Landesherr, Graf Gustav Friedrich von Ysenburg und Büdingen in Büdingen, einen Untertaneneid gefordert hatte, dem sich aber alle Mitglieder der Brüdergemeine verweigerten.
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Autor: Joachim Schäfer
- zuletzt aktualisiert am 07.02.2021
Quellen:
• http://www.glaubenszeugen.de/kalender/z/kalz017.htm
• Evangelisches Gesangbuch. Gesangbuchverlag, Stuttgart 1996
• Helmut Bintz: Eine Missionsbewegung in allen Erdteilen. Evang. Gemeindeblatt für Württemberg 19/2000
• Helmut Bintz: Mission mit Respekt und ohne Gewalt. Evang. Gemeindeblatt für Württemberg 20/2000
• Johannes Wallmann: Der Grenzüberschreiter. Evang. Kommentare 5/2000
• Gottfried Geiger: Zum 300. Geburtstag von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Deutsches Pfarrerblatt 5/2000
korrekt zitieren: Joachim Schäfer: Artikel
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Ökumenische Heiligenlexikon in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://d-nb.info/1175439177 und http://d-nb.info/969828497 abrufbar.