3. Kapitel. Augustinus und seine Leser.
S. 7 5. Daher möge jeder, der dies liest, wo er meine sichere Überzeugung teilt, mit mir weitergehen, wo er mit mir schwankt, mit mir suchen, wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, zu mir zurückkehren, wo einen meinerseits, mich zurückrufen. So wollen wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen, uns nach dem ausstreckend, von dem es heißt: „Suchet sein Antlitz immer.“1 Ein solches von Ehrfurcht getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen möchte ich vor dem Herrn unserem Gott mit allen Lesern meiner Werke schließen, für alle meine Schriften, ganz besonders aber für dieses Werk über die Einheit der Dreieinigkeit, des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes, weil nirgends das Irren gefährlicher, das Suchen mühseliger, das Finden fruchtbringender ist. Wenn also jemand beim Lesen sagt: Das ist nicht gut dargelegt, da ich es nicht verstehe, so trifft er mit seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht den Glauben; vielleicht hätte es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, daß kein Mensch jemals so sprach, daß er in allem von allen verstanden wurde. Wenn also jemandem in meiner Abhandlung etwas mißfällt, so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und Fragen beschäftigt haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es so, dann lege er mein Buch beiseite — er kann es auch wegwerfen, wenn er will — und schenke lieber Zeit und Mühe jenen, die er versteht. Nicht soll er jedoch deshalb glauben, ich hätte schweigen sollen, weil ich nicht so verständlich und lichtvoll wie jene, die er versteht, zu reden vermochte. Denn es kommen nicht alle Werke aller Schriftsteller in aller Hände. Es kann vorkommen, daß manche, die auch dieses unser Werk zu verstehen vermögen, von jenen klareren Werken S. 8 nichts erfahren, aber doch wenigstens auf dieses unser Buch stoßen. Deshalb ist es von Nutzen, wenn über die gleichen Fragen mehrere Bücher von mehreren in verschiedener Darstellungsweise verfaßt werden, nicht in verschiedenem Glauben, damit die dargestellte Sache zu recht vielen gelange, zu den einen auf diese, zu den anderen auf jene Weise. Wenn aber einer, der sich über die Unverständlichkeit meines Werkes beklagt, nie eine sorgfältige und eindringende Erörterung über solche Fragen verstehen kann, so möge er sich in angelegentlichem Studium mit sich selbst beschäftigen, auf daß er vorwärts komme, nicht in Klagen und Vorwürfen mit mir, auf daß ich schweige. Wer aber bei der Lektüre dieses Buches sagt: Ich verstehe zwar, was gemeint ist, aber es ist nicht richtig gesagt, der möge ruhig seine Anschauung festhalten und die meinige widerlegen, wenn er kann. Wenn er es in Liebe und Wahrheit tut und es mich, sofern ich noch am Leben bin, wissen läßt, werde ich gerade daraus die reichste Frucht dieser meiner Bemühungen empfangen. Kann er seine Erkenntnis mir nicht zukommen lassen, so ist es doch mein Wunsch und Wille, daß er sie allen, die er erreichen kann, zuteil werden läßt. Ich aber betrachte im Gesetze des Herrn, wenn auch nicht gerade Tag und Nacht,2 so doch in jedem Zeitteilchen, in dem es mir möglich ist. Ich werde meine Betrachtungen, damit sie nicht in das Reich der Vergessenheit enteilen, mit der Feder festhalten, von der Barmherzigkeit Gottes hoffend, daß er mich in allen Wahrheiten, deren ich sicher bin, ausharren läßt. Wenn ich aber in einem Punkte anders denke, so wird auch darüber Gott selbst mich belehren,3 sei es durch verborgene Einsprechungen und Mahnungen, sei es durch offenkundige Worte, sei es durch brüderliche Unterweisungen. Darum bitte ich, S. 9 und diesen meinen Wunsch lege ich vertrauensvoll nieder vor ihm, der mir verlässig genug erscheint, um zu bewahren, was er gab, und zu geben, was er versprach.
6. Ich glaube freilich, daß Leser von langsamerem Fassungsvermögen aus manchen Stellen meiner Werke Meinungen herauslesen, die nicht dort stehen, oder in meinen Büchern Lehren vermissen, die dort stehen. Jedermann wird begreifen, daß ihr Irrtum nicht mir zur Last gelegt werden darf, wenn sie nämlich, anscheinend sich an mich anschließend, mich aber nicht verstehend, auf einen Falschweg abirren, während ich gezwungen bin, durch ganz dunkles Dickicht mir den Weg zu bahnen. Es darf ja auch niemand den heiligen Texten der göttlichen Bücher irgendwie mit Recht die vielen und mannigfaltigen Irrtümer der Häretiker aufbürden, die doch alle mit der gleichen Heiligen Schrift ihre falschen und trügerischen Meinungen zu verteidigen suchen. Das Gesetz Christi, welches die Liebe ist, gibt mir die klare Mahnung und gebietet mir mit süßem Befehl: Wenn meine Leser in meinen Büchern eine falsche Ansicht zu finden vermeinen, die ich tatsächlich nicht vertrete, und diese falsche Meinung dem einen gefällt, dem anderen nicht, dann möchte ich lieber von dem Kritiker des Irrtums kritisiert als von seinem Lobredner gelobt werden. Wenn nämlich von dem ersteren auch ich selber nicht mit Recht getadelt werde, da ich die kritisierte Meinung nicht vertrete, so wird es doch der Irrtum. Von dem letzteren aber werde mit Recht weder ich gelobt, der ich nach seiner Meinung eine Anschauung vertrete, welche den Tadel der Wahrheit verdient, noch wird es die Anschauung, welche der Kritik der Wahrheit verfallen ist. Im Namen des Herrn also wollen wir das begonnene Werk in Angriff nehmen.
